Review

Alles über meine Mutter

-- Spanien / Frankreich (1999), Regie: Pedro Almodóvar

Alles über meine Mutter

Weine, mein Kind

Dieses (wie überhaupt jedes) Jahr bot Cannes bei der Preisverleihung so etwas wie einen Skandal. Denn die anwesenden Kritiker und Kenner wussten es — wie wohl immer — viel besser, als die Jury. Trotz des Sieges eines belgischen Kleinstfilmes der Marke “Kargheit=Kunst” sahen ausnahmsweise fast einhellig alle anderen den neuen Pedro Almodovar Alles über meine Mutter vorne. Aus mehreren Gründen: Zum einen ist dieser Film einfach ein Genuss. Zum anderen hat Almodovar auch eine große Lobby. Und zu guter letzt ist sein Film eine Liebeserklärung an Theater und Kino.

Es gibt kein größeres Schauspiel, als eine Frau weinen zu sehen”, meinte einst Almodovar. Und in seinem neusten Film weinen sie alle, ob echte Frauen oder Transvestiten. Der Meister schräger Einfälle hat einen wunderbar melodramatischen Film geschaffen ohne dabei seine skurrilen Typen zu vergessen.

Die liebende Mutter Manuela verliert ihren Sohn Esteban an dessen 17. Geburtstag, als der vor ein Auto läuft. Nun steht die Koordinatorin für Organspenden vor den Ärzten, denen sie jahrelang beibrachte, wie man Hinterbliebene um ihre Erlaubnis für eben solche Organspenden fragt; und nun soll sie selbst unterschreiben. Um den Tod ihres Sohnes besser zu überwinden, fährt sie das erste Mal seit sie schwanger wurde wieder zurück nach Barcelona, um Estebans Vater zu finden. Dieser ist in der Transvestiten-Szene untergetaucht und heißt seit einiger Zeit Lola. Auf ihrer Suche stößt sie aber auf einen anderen Transvestiten, die großherzige und hilfsbereite La Agrando. Sie finden heraus, dass die gute Lola Nina, die Nonne der Hilfsmission für alle Straßenstricher, geschwängert hat. Letztere hat den Kontakt zu ihrer Familie verloren und erfährt auch noch, dass sie von Lola mit AIDS infiziert wurde. Hinzu kommt noch, dass Manuela auf die Theater-Diva Huma Rojo trifft, von der ihr Sohn ein großer Fan war. Auch sie hat Probleme, und Manuela will sie alle lösen. Als dann noch ihr Ex plötzlich auf der Bildfläche erscheint, nimmt das (Melo)Drama seinen Lauf.

Almodovar erscheint in diesem Film wie ein Magier. Er erschafft Figuren, mit denen man sich erst kaum identifizieren kann, die eigentlich prädestiniert dafür scheinen, zu Lachnummern zu verkommen, und macht daraus ein wunderbar anrührendes Panoptikum der Gefühle. Wir freuen uns und weinen mit den traurigen Schicksalen auf der Leinwand. Die eine stirbt an AIDS, die nächste verliert ihre Liebhaberin und die letzte schafft es irgendwie, den einzigen Strohhalm der Hoffnung zu greifen und ihn zu einem ganzen Baum aufzuziehen. Selten gibt es solch perfekt funktionierende Filme. Almodovar lässt uns immer Zeit zum Schmunzeln und Lachen, wenn wir sie brauchen, und greift dann in die Handlung, wenn wir weitermachen wollen. So knallbunt, so unterirdisch geschmacklos und so wahrhaftig trivial seine Welt ist, so sehr werden wir in sie gezogen.

Almodovars Film lebt von einer sehr guten Kameraarbeit und einem herausragenden Drehbuch, das seinen Darstellern keine Möglichkeit zu geben scheint, schlecht zu spielen. Es deckt in sich wahrhaftig alle Gefühlsregungen ab, vergisst aber auch nie, einen Funken Intellektualität zu hinterlassen, die den ganz wichtigen Zuschauern noch immer die Möglichkeit gibt, eine Ausrede zu finden, warum man sich von der Soap-Welt Almodovars mitreißen lässt.

In einem der traurigsten, anrührendsten und skurrilsten Filme des Jahres finden wir unsere eigenen Antworten auf Leben, dargeboten von schwangeren Nonnen, lustigen Transvestiten und Alzheimer-geschädigten Vätern. Dass diese Welt einen gefangen nimmt und davon überzeugt, dass alles auf der Leinwand wahr ist, dafür gab es — zum Trost — den Regiepreis in Cannes. Auch ein guter Preis, und wohlverdient. Sagte da jemand etwas von Auslandsoscar?

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