Review

Brokeback Mountain

-- USA (2006), Regie: Ang Lee

Dieser Artikel war 2006 ein Blog-Eintrag, der aber ein paar wie ich finde relevante Gedanken beinhaltet, sodass er hier wiedergegeben werden soll.

Auf einem gebrochenen Rücken gen Westen

Nun endlich, nach meiner Magisterarbeit über Ang Lee , hatte ich die Chance, seinen neusten und wohl am höchsten gelobten Film Brokeback Mountain zu sehen. Vorneweg: Es ist nicht der einzig wahre Ang Lee, nicht sein bester, persönlichster Film. Doch bin ich der Überzeugung, dass es auf jeden Fall ein sehr guter, emotional höchst wirksamer Film ist. Erzählt wird die Geschichte zweier Cowboys, die sich in einander verlieben. Sie lernen sich kennen, als sie beide bei dem gleichen Farmer anheuern, um über den Sommer dessen Schafe auf dem Brokeback Mountain zu hüten. Dort, gefangen in der Einsamkeit, kommen sich die Beiden so nahe, dass es für echte, harte Männer “ungebührlich” wird. Denn in Wyoming , gerade noch im Jahre 1963, gibt es keine Homosexualität. Hier regieren die harten Männer des Marlboro-Country.

Die soziale Relevanz, die Ang Lees neuestes Werk wohl zu haben scheint, hat sich an verschiedenen Stellen offenbart. Als wohl einer der letzten dieser Welt, die diesen Film gesehen haben (in den USA startet momentan die DVD, in Deutschland verschwindet der Film so allmählich wieder aus den Kinos), ging ich wohl vorbereitet in die Vorstellung. Das Auslandsjournal erzählte über schwule Cowboys in Wyoming, die sich erst durch Brockeback Mountain dazu entschlossen haben, ein Coming Out zu wagen, der Spiegel kritisiert die Oscar-Juroren, da sie mit L.A. Crash einen scheinbar weniger brisanten Film mit dem Preis für den besten Film auszeichneten und für das “Schwulendrama” nur die Preise für die beste Regie und das beste adaptierte Drehbuch bereit hielten. Eine fatale Mischung aus Vorurteilen gegenüber Amerikanern, Hineinlesen politischer Brisanz und langsam aufkeimender auteur — Heiligsprechung Ang Lees entstand, die mich zusammen mit meiner langen Beschäftigung mit den Filmen des Regisseurs während meiner Magisterarbeit schon lange vor dem Kinobesuch zurechtformten. Besonders intensiv war meine Erwartung eines extrem langsam erzählten Films, was mehrfach hervorgehoben wurde. In meinem Empfinden nahm der “echte” Brokeback Mountain regelrecht Fahrt auf. Der Film war vielleicht langsamer als der durchschnittliche Hollywood-Blockbuster und selbst für Ang Lee noch sehr ruhig inszeniert, aber von Langatmigkeit konnte kaum die Rede sein. In jedem Moment passierte etwas, war Veränderung zu spüren.

Dennoch erfüllte der Film einige meiner Erwartungen. In meiner These habe ich festgestellt, dass eine wiederkehrende filmische Strategie Ang Lees die Nutzung von bekannten filmischen Mustern ist, die er ausstellt und dann kontrolliert neu anordnet. Dabei entstehen Effekte der Verfremdung von bekannten Systemen, nenne wir sie hier verkürzt Genres, die ein Spiel von Erwartungen und Revidierungen beim Zuschauer hervorrufen. Für Brokeback Mountain findet der Film Bilder vom Western, über das späte Western-Drama bis hin zur Zigaretten-Werbung. Als Klischees verrufene Signature-Shots von Marlboros Plakat-Kampagnen geben sich die Klinke in die Hand mit der Inszenierung von Insignien des Cowboys und Westerners, wie wir sie aus Nashville so gut kennen gelernt haben. Dabei ist das Ganze nicht unbedingt neu: In Midnight Cowboy von John Schlesinger stirbt Dustin Hofmann am Ende elendig in den Armen vom harten Cowboy und männlichen Prostituierten Jon Voigt mit den Worten: “Ich habe mir in die Hosen gemacht.” an einer langen Krankheit. Der Film gewann trotz gestrengen NC-17-Ratings in den USA den Oscar für den besten Film. Alleine dies sollte übrigens die These derjenigen in Frage stellen, die meinen, dass die Amerikaner Angst davor haben, Schwulen-Dramen mit Preisen zu belegen. Zwar ist die momentane neo-konservative Knebelei der Regierung Bush etwas anderes, als die aufstrebenden 70er Jahre, aber trotzdem ist der Schluss recht fraglich. Auf der anderen Seite hat, ganz ohne Schwulen-Thematik. der Brite Stephen Frears mit Hi-Lo Country einen Film über den Zusammenbruch eben dieser Wertegesellschaft patriachaler Prägung gedreht. Zudem sollte man die Filme Wim Wenders oder Jim Jarmushs nicht vergessen, ebenfalls Indie-Perlen über diese Welt. Und zu guter letzt hat ja auch Kathryn Bigelow mit Near Dark eine faszinierende Vermengung der Insignien dieser Welt mit Elementen des Vampir-Horrors vorgenommen. Was aber Brokeback Mountain so einzigartig als Film macht, ist diese radikale Neuschreibung von filmischen Inszenierungsoptionen bei gleichzeitiger zurückhaltender, fast distanziert-ironischer filmischer Haltung. Der Film macht regelrecht Spaß und es entsteht eine seltsame Mischung aus Humor und Tragik, die so gar nichts mit der üblichen Tragikomik im Kino zu tun haben scheint, wenn die Hauptcharaktere versuchen, ihre gesellschaftliche Rolle und die “Angelabenteuer” unter einen Cowboy-Hut zu bekommen. Obwohl eine Tragödie erzählt wird, die an die Theaterstücke von Sam Shepard erinnert, verliert der Film nie die Distanz und augenzwinkernde Darstellung, die so häufig in Filmen von Ang Lee zu finden ist. So erstaunte mich nicht das Thema, sondern der Umgang damit. Brokeback Mountain erzählt von einer Welt, mit der ich in vielerlei Hinsicht nicht viel zu tun habe. Weder kenne ich die Situation eines Schwulen vor dem Coming Out, eine menschliche Extremsituation, die wohl kein Heterosexueller nachvollziehen kann, noch kann ich mich mit der Welt des amerikanischen Westens identifizieren. Um genau zu sein, habe ich diese kaum mit Emotionen belegt, da ich in Deutschland lebe und weder ein großer Western-Fan bin (nimmt man die italienische Variante heraus) noch Anbeter des Country. Dass Brokeback Mountain dennoch so gut funktionierte, mich emotional total in diese Welt hineinzog und dabei dieses Spiel aus kleinen Gesten und großer zuschauerischer Interpretation dieser spielte, ist ganz persönlich ein Beweis, wie gut das Werk gemacht wurde. In dieser Hinsicht hat Ang Lee wirklich etwas autorenhaftes, denn dieser Effekt erinnert mich erschreckend klar an Der Eissturm .

Brokeback Mountain

USA (2006)

Regie: Ang Lee, Buch: Kam-Yuen Szeto, Tin-Shing Yip, Kamera: Siu-keung Cheng, Musik: Dave Klotz, Guy Zerafa, Schnitt: David M. Richardson, mit: Anthony Wong Chau-Sang, Francis Ng, Roy Cheung, Suet Lam, Nick Cheung, Simon Yam, Josie Ho, Richie Ren, Ka Tung Lam, Siu-Fai Cheung

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen.