Chihiros Reise ins Zauberland
-- Japan (2001), Regie: Hayao Miyazaki

Mit Rekordnachrichten gestartet, auf der Berlinale in den Wettbewerb aufgenommen und sogar mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, von Millionen Fans weltweit erwartet: Wer sich mit Hayao Miyazakis neuestem Werk Sen to Chihiro no Kamikakushi auseinandersetzt, wird aus den Superlativen nicht so einfach entlassen. Deshalb ist es vielleicht auch so schwierig, diesen Film nach so einem Vorlauf endlich zu Gesicht zu bekommen. Denn auch Spirited Away (internationaler Filmtitel von SEN) ist” nur” ein Film, wenn auch einer der besten der letzten Jahre und mit Sicherheit DER Animationsfilm 2001.
Die junge Chihiro (Rumi Hiiragi) ist sauer. Ihre Eltern haben das 10jährige Mädchen auf den Rücksitz des teuren Familienwagens verbannt und fahren gerade zur neuen Wohnung auf dem Land. Warum wegziehen, fragt sich Chihiro, denn sie hat sich in der alten Gegend sehr wohlgefühlt. Aber so ist es eben als Kind: Man ist immer an das Wort der Eltern gebunden. Als sich Vater Akio (Takashi Naito) aber verfährt, wendet sich ihr Leben. Hinter einem versperrten Tunnel findet die Familie die Reste eines alten, verrotteten Vergnügungsparks, der Chihiro so gar nicht gefallen will. Zu Recht: Denn als die Abenddämmerung gekommen ist, verändert sich die Welt um sie herum und ihre Eltern sitzen plötzlich als grunzende Schweine vor ihr. Anscheinend war dieser Ort ein Portal in die Welt der Götter und Geister. Vor der Kleinen steht ein mächtiges Badehaus, in dem sich besagte Wesen entspannen können. Geleitet wird das Etablissement von der Hexe Yu-Baba (Mari Natsuki), einer ebenso geschäftstüchtigen wie harten Frau. Um zu überleben, muss Chihiro bei ihr arbeiten. Sie bekommt auch dank der Unterstützung von Yu-Babas rechter Hand Haku (Miyu Irino), einem undurchsichtigen, aber faszinierenden Jungen, einen Job. Dafür nimmt Yu-Baba Chihiros Namen und tauft sie in Sen um. So ist sie nun an die Hexe gebunden. Danach fügt sich die Neugetaufte schnell in den Alltag ein und meistert mit ihrem Verstand und ihrem reinen Herzen manche knifflige Situation. Sie vergisst dabei aber nie, dass sie ihre Eltern retten und in ihre eigene Welt zurückkehren muss. Als dann noch Haku mit einem Fluch belegt von einem schweren Auftrag zurückkehrt, wird die Situation noch vertrackter. Denn um ihn zu retten, muss Sen eine schwere Reise antreten …
Sen
So einfach die Geschichte um Chihiro und das Badehaus in der Götterwelt anfangs auch wirken mag, es ist die große Stärke von Spirited Away. Selten konnte ein Werk mit einfacher Handlung, die selbst die Kleinsten verstehen, so viel erzählen. Schaut man hinter die Fassade der märchenhaften Geschichte, so hat man ein hochkomplexes Kunstwerk mit vielen Gedanken und noch mehr emotionaler Kraft, welches selbst die ernstesten Filme aus dem “Real”-Bereich noch topen kann. In Spirited Away vereinen sich fast alle Themen, die Miyazaki schon zuvor angesprochen hat, wie üblich in einer Form, die nicht doziert, sondern einfach zum Nachdenken einlädt. Man ist von der Geschichte einfach so überwältigt, dass man noch Stunden nach dem Film bei ihr haften bleibt.
Der Meister thematisiert zuvorderst wieder einmal das Erwachsenwerden, beziehungsweise den ersten Schritt dahin. Chihiro ist als 10jährige dabei, ihre ersten Gehversuche alleine zu machen, die Eltern verlieren ihren starken Bezugscharakter. Dies kann man als einen ersten Schritt der (geistigen) Pubertät sehen. Im Film zeigt sich dies durch die gesamte Handlung. Nicht nur dass Chihiro als etwas dickköpfiges Kind ihren eigenen Weg geht, sie wird sogar dazu gezwungen, den aktiven Part in der Familie zu übernehmen und ihre Eltern zu befreien. Dabei funktioniert die Handlung als eine Art Parabel, ist weniger real, als psychologisch zu sehen. Indem Chihiro in eine andere Welt eintritt und dort sogar ihre Identität abgeben muss, wird sie vollkommen alleine gestellt und verlassen. Eben so wirkt die erste Abnabelung von den Eltern. Es ist der erste Schritt zum Erwachsenwerden. Die Welt der Götter sieht bunt und ungeordnet aus, um eben diese Unsicherheit Chihiros und auch ihr Erstaunen zu zeigen. Spirited Away funktioniert nur deswegen, weil wir diese Ängste und Hoffnungen von Chihiro wieder erkennen und dadurch zutiefst mit ihr fühlen können, ob wir nun selbst vor langer Zeit 10 waren oder es momentan sind. Jeder muss seine Reise antreten, es ist aber eine innere, die hier als der Weg Chihiros in einer fremden Welt äußerlich dargestellt wird.
Gleichzeitig schwingt dabei auch Miyazakis Aufruf zu mehr Umweltverständnis mit, welcher ja schon eine der Kernaussagen von Prinzessin Mononoke (Mononoke Hime, 1997) war. In einem Nebenplot muss Chihiro den Unrat aus einem Naturgott herausholen, den die Wegwerfgesellschaft in ihm hinterlassen hat. Überhaupt nehmen Götter in der japanischen Mythologie des Shintoismus einen sehr viel naturnäheren Platz ein, als bei uns. Schon indem er shinto-Gottheiten, obwohl selbst erfundene, darstellt, erzeugt M1YAZAKI ein ganz anderes Verhältnis zur Natur. Wenn wir von ihrer Welt aus auf unsere schauen, sehen wir die Probleme, die es eben dort nicht zu geben scheint. Kein Wunder also, dass sich die Gottheiten in Yu-Babas Badehaus vor uns erholen müssen.
Dennoch teilt diese Welt ein Übel, welches Miyazaki auch in unserer Gesellschaft sieht. Als ein Ohngesicht, ein Geist, der sich selbst hinter einer Maske verbirgt, in das Badehaus eindringt, kauft er sich die Gunst der dort Arbeitenden mit Gold, welches scheinbar endlos aus seinem Arm quillt. Je mehr er damit aber Erfolg hat, desto gieriger werden die Arbeiter und desto fordernder und aggressiver wird er. Etwas ähnliches passiert mit Chihiros Eltern. Sie denken, dass das Essen in einer Imbissbude verkäuflich sein muss, denn alles ist käuflich, wie man so schön weiß. So wie die Beiden aber zur Strafe in Schweine verwandelt werden, kommt die Gier auch auf alle anderen zurück. Nur Chihiro, die rein aus Liebe und Mitgefühl handelt, wird vom Kreislauf des Kapitals, welcher von Miyazaki, einem bekennenden Marxisten, in Reinform präsentiert wird, verschont.
Chihiro
Diese Themen und damit verwandte Motive lassen sich über den ganzen Film hinweg und immer wieder miteinander verwoben finden. Miyazaki, der auch das Drehbuch und die Story geschrieben hat, zeigt typische Fallstricke unserer Zeit und wie sie ein junges Mädchen beeinflussen, als dieses sich aufmacht, die Welt zum ersten Mal alleine zu erkunden. Man kann dieses Muster aus Kapital, Ökologie und Erwachsenwerden so weit spinnen, dass Chihiro irgendwann in Zukunft selbst dazu kommen wird, einem Gott des Windes Haarspray unterzujubeln oder dem Kapital mit der Hatz nach dem coolsten Handy nachzueifern. In dieser Hinsicht ist Spirited Away ein zutiefst moralischer, wenn auch nicht dogmatisch-fingerhebender Film.
Denn man kann ihn auch ohne jeden Gedanken an diese offensichtlichen Themen genießen. Auch Spirited Away hat all die Stärken, die einen Film des großen Studio Ghibli ausmachen. Die Figuren-Designs sind ja schon klassisch, lassen aber immer noch herausragende Möglichkeiten zu, die Emotionen der Figuren in Reinform visuell darzustellen. Die Farbpracht und das Detail der Hintergründe sind ebenso legendär, finden hier aber einen neuen Höhepunkt in den barocken Innendekors von Yu-Babas Gemächern. Und dank Jo Hisaichis wieder einmal brillantem Score, der immer wieder Themen aus den alten Ghibli-Filmen in seine Musik einwebt, ist die Tonspur in keiner Hinsicht schwächer.
Trotz aller Gemeinsamkeiten mit alten Ghiblis steht Spirited Away mit seiner wunderbar gefilmten Story als ein eigener Meilenstein im Gesamtwerk Miyazakis. Der Film ist ein großes Stück Kino, welches die Möglichkeiten von Animation perfekt zu nutzen weiß.
Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no Kamikakushi)
Regie und Drehbuch: Hayao Miyazaki
Das Artikelbild und / oder der besprochene Film sind Copyright 2001 by Studio Ghibli / Ufa/DVD
Copyright des Textes liegt beim Autor. Der Text erschien zuvor in dem Print-Magazin Mangaszene.