Die letzten Glühwürmchen
-- Japan (1988), Regie: Isao Takahata

Dass das ehrwürdige Studio Ghibli in Frankreich eine weit größere Lobby hat und dort dementsprechend ein viel größerer Markt für dessen Filme herrscht, ist hinlänglich bekannt. Hayao Miyazakis Meisterwerke Porco Rosso und Totoro waren dort schon auf Video erhältich, als Prinzessin Mononoke nicht einmal richtig in Planung war, und momentan läuft dort Spirited Away schon in synchronisierter Fassung und mit großem Erfolg im Kino.
Ein einziger netter Nebeneffekt dieser französischen GHIBLI-Manie ist für uns indirekt eine der besten deutschen Synchros eines Animes: Die letzten Glühwürmchen (Hotaru no Haka / wörtl. “Das Grab der Glühwürmchen”) aus dem Jahre 1988 von Miyazakis Studiokollegen und Freund Isao Takahata wurde auf dem deutsch-französischen Sender arte ausgestrahlt und bekam dafür einen hier verständlichen Ton spendiert. Bis heute ist dies zusammen mit Prinzessin Mononoke die einzige wirklich professionelle Synchronisation auf dem deutschen Anime-Markt.
Dass arte diese Mühe nicht scheute, wird wohl daran gelegen haben, dass dieser Film, beruhend auf dem Roman Hotaru no Haka von Akiyuki Nosaka, eines der wichtigsten und eindringlichsten Statements gegen Krieg ist, die je auf Zelluloid gebannt worden sind.
Wir verfolgen die Geschichte von Seita und seiner kleinen Schwester Setsuko, die in den letzten Monaten des zweiten Weltkrieges alleine um ihr Überleben kämpfen. Gleich zu Anfang erfahren wir, dass sie es nicht schaffen werden: Seita sitzt in sich zusammengefallen an die Säule einer Bahnhofshalle gelehnt. An diesem Tag, erzählt er uns aus dem Off, ist er gestorben. Nun sehen wir, wie seine Seele neben seinem toten Körper steht, der fast achtlos als eine von vielen Leichen umgestoßen wird. Hinter ihm erscheint die Seele seiner Schwester. Es ist ein Wiedertreffen voller Freude. Sie steigen in einen Zug und fahren an einem gleißenden Licht vorbei, welches in seiner leuchtenden Pracht eine bessere Welt voraussagt, gleichzeitig aber auch die aufgehende Sonne Japans und das größte Trauma des Landes darstellt: die Atombombe.
Nach diesen reflexiven Bildern erzählt der Film nun, wie es zu diesem Ende kam. Er erzählt vom Tod der Mutter der beiden im Hagel der amerikanischen Napalm-Bomben, von der Tante, die die beiden Kinder aus Selbstsucht, aber auch aus Angst um ihr eigenes Überleben aus dem Hause ekelt: bis hin zum Tode Setsukos, als Seita ihr Grab ausheben muss. Aber er erzählt auch von Momenten vollkommener Schönheit. Von den Glühwürmchen, die des Nachts die Höhle, die den beiden als Unterschlupf dient, erhellen, dann am Tage aber tot am Boden liegen.
Takahatas Film ist voller Bitterkeit, aber auch voller Hoffnung auf die Menschen. Er zeigt, wie der Krieg auch an der “Heimatfront” das Schlimmste aus den Daheimgebliebenen herausholt, sie hart und eigensinnig werden lässt. Aber er zeigt auch, wie der Geist eines Kindes die schlimmsten Erfahrungen verarbeiten kann. Und er zeigt Seita, einen Jungen, der seine kleine Schwester auch in tiefster Hoffnungslosigkeit unterstützt, ihr hilft, mit allen Mitteln versucht, sie zu retten. Auch wenn dieser darin scheitert, stellt Die letzten Glühwürmchen einen Menschen dar, der seiner Schwester etwas schenkt, das im Krieg unbezahlbar ist: Ein Stückchen Kindheit, ein wenig Freiheit für Phantasie und Freude.
So spiegelt der Film das wieder, was man in Japan als höchstes Kunstkonzept “mono no aware” nennt: Erst dadurch, dass etwas vergänglich ist, erhält es absolute Schönheit. Dadurch, dass Seita und Setsuko sterben, erhalten seine Liebe und ihre Kindlichkeit eine tiefe Bedeutung und eine ganz besondere Atmosphäre. Aber auch dadurch, dass die G~lühwürmchen nur die eine Nacht in der Höhle überleben werden, ist ihr Licht besonders kostbar. Durch die fast harten, simplistischen Bilder, durch die ruhige Musik und die Tonkulisse, durch den ganzen Rhythmus, mit dem Takahata dies erzählt, wird nur auf diese Momente hin gearbeitet. In einem Film, der nicht gezeichnet ist, wäre dies unmöglich.
Anime Virtual veröffentlicht dieser Tage ein deutsches Video und eine deutsche DVD dieses Meisterwerks. Letztere enthält neben dem deutschen Ton auch das japanische Original und Untertitel. Dieses Kleinod der Kinokunst sollte man in seinem Schrank stehen haben, auch wenn Die letzten Glühwürmchen mit Sicherheit kein Film ist, den man sich gerne mal zwischendurch anschaut.
Die letzten Glühwürmchen (Hotaru no Haka)
Regie und Drehbuch: Isao Takahata, nach dem Roman von Akiyuki Nosaka
Das Artikelbild und / oder der besprochene Film sind Copyright 1988 by Studio Ghibli / Anime Virtual
Copyright des Textes liegt beim Autor. Der Text erschien zuvor in dem Print-Magazin Mangaszene.