Exiled
-- Hongkong (2006), Regie: Johnny To

Es ist spannend, atemberaubend spannend. Dabei wissen wir doch gar nicht, worum es geht! Wer sind diese Männer, die sich da gegenüber stehen? Der eine heißt Wo (Nick Cheung), das haben wir schon einmal erfahren. Er ist wohl gerade mit seiner Frau in die Wohnung gezogen. Sie war es, die den anderen beiden Männern und ihrer unten wartenden Begleitung die Tür vor der Nase zugeknallt hat; sie behauptete, es gäbe keinen Wo in der Wohnung. Warum? Gerade haben wir es erfahren: Der eine Mann will Wo töten, der andere will es verhindern. Sie alle sind Gangster hier in Macao, und Wo gehörte früher zu ihrer Bande. ein kurzer Dialog hat uns darauf hingewiesen, dass diese Freundschaft schon seit Kindestagen anhält. Doch im Moment interessiert dies nicht. Der Boss hat befohlen, Wo zu eliminieren. Und so stehen sie sich nun gegenüber, in einem leeren Wohnzimmer, zu dritt, zum Mexican Standoff, der irgendwann, aus dem Italo-Western entliehen, zu einem eigenen ästhetischen Leben im Hongkong-Kino entwickelt wurde. Drei Mann, jeweils sechs Kugeln. Hinten kocht das Wasser über, im Nebenzimmer betet Wos Frau und versucht das Baby zu beruhigen. Spannender, ästhetischer und gleichzeitig überhöhter könnte dieser Moment nicht sein, man wartet nur noch auf die Erruption, die Bewegung, das Balett der Gewalt.
Johnny To, Regisseur der oben beschriebenen Szene und auch aller anderen in dem Film Exiled ist ein Meister solcher Sequenzen. Er ist fähig, Momente in einer Art und Weise zu entkomprimieren, dass einem mit einem Schlag die großen Regisseure dieser eigenen Filmsprache im Kino nicht mehr wie Vorbilder, sondern eher wie Komplizen vorkommen: To steht auf einer Ebene mit Regisseuren wie Sergio Leone, Akira Kurosawa oder (der frühe) John Woo. Gleichzeitig hat er seine eigene Methode entwickelt, die stark in der Tradition des Hongkong-Films verankert ist: Er komprimiert wie kaum einer seiner Kollegen die narrativen, dialoggetriebenen Elemente in seinen Filmen zu kurzen visuellen Symbolen, um sich dann dem ästhetischen Exzess hinzugeben, der in dieser Form wiederum eine eigene, symbolische Ebene bildet. Zu Beginn des Filmes werden über bestimmte Einstellungen und die Inszenierung der Hauptfiguren Hinweise auf ihre Vergangenheit gegeben. Zudem sind die insgesamt vier wartenden Gangster allesamt Hauptdarsteller aus dem berühmtesten und populärsten Film Tos, The Mission aus dem Jahre 1999. In den ersten Einstellungen, als die vier auf den ehemaligen Freund vor dessen Haus in einem kleinen Park warten, sind bewusst aus dem älteren Werk entlehnt, auch wenn sich To sonst einer neuen ästhetischen Grundform bedient. Der im Hongkong-Film bewanderte Kinogänger kann also aus seinem Filmfundus die Vorgeschichte zusammensetzen, vielleicht sogar The Mission als Vorgeschichte akzeptieren. Die Gleichsetzung wird erst durch die Ankunft des fünften und letzten Charakters wieder gebrochen. Wo wird von einem Darsteller gespielt, der bewusst nicht in dem Klassiker auftrat. Ab diesem Punkt wird Exiled ein eigenständiges Werk.
Der Kern für diese eigene Entwicklung findet sich schon bei der Tatsache, dass auch Kinogänger ohne das Wissen um The Mission und den Ruf Tos schon zu Beginn die Rollen einordnen können. To arbeitet mit einfachen, schnell dekodierbaren (da zumeist im Bereich der Klischees verorteten) Symbolen und bekannten (visuellen) Motiven, um seine Geschichte zu erzählen, beziehungsweise sich von dieser als hauptsächlichen narrativen Element zu lösen. Was in einem anderen, zumeist westlichen Film als Klischee für sich steht, ist hier eine Verkürzung des narrativen Komplexes. Wozu eine bekannte Geschichte erzählen, wenn ein Bild, ein Satz oder eine bestimmte Kleidung diese schon in sich tragen? Diese Strategie ist typisch für das Kino aus Hongkong, ja sogar zu einem Teil aus Asien allgemein. Es kann zu einem Teil über die visuell geprägte Schrift erklärt werden. Jedes Symbol in der chinesischen Schrift steht für einen Gedanken, ein Ding aus der realen Welt. Die Kombination solcher Symbole ergibt wiederum neue, zusammenhängende Dinge / Ideen. Dies im filmischen Bereich über Bilder und Klischees nachzuvollziehen erscheint dabei sinnvoll. Auch die Zeichen der Schrift sind ja selten arbiträr, sondern zumeist starke Abstraktionen des Dahinterstehenden. Dabei nimmt Hongkong eine recht radikale Stellung ein. Selbst große Meister wie Hark Tsui arbeiten bewusst mit rudimentären Drehbüchern, deren Dialoge zumeist erst am Set oder sogar erst danach geschrieben werden (die Schauspieler sagen dann Zahlen statt Dialog auf, bei Interesse sei hierbei auf die Hong Kong Legends -Veröffentlichungen der Once Upon a Time in China -Filme verwiesen, bei denen im Audiokommentar mehrfach darauf eingegangen wird, wie an einem Hongkong-Set gearbeitet wird). Die Handlung soll griffig sein und wird weit mehr über die Bilder, als über Dialoge transportiert. In keinem anderen Kino, auch nicht in Asien, wird dem Dialog so wenig Macht gegeben, wie in weiten Teilen des Hongkong-Films. Dies führt auch zu dem Problem, dass man sich als westlicher Kinozuschauer erst langsam an das Hongkong-Kino gewöhnen muss. Auch Exiled ist da keine Ausnahme.
Was für manchen Leser erst einmal wie ein Makel klingt, ist eine Stärke des Hongkong-Kinos, vor allem aber das wichtigste Unterscheidungsmerkmal von allen anderen Filmkulturen und damit das wichtigste Zeichen für einen eigenständigen Film. Zwar wurden einige Elemente von amerikanischen Filmen wie The Matrix übernommen, dennoch haben sie dort einen anderen, vom narrativen Symbolismus enthobenen Status. Der filmische Exzess, wie er oben beschrieben wurde, steht also auch in Exiled nicht für sich, sondern ergibt eine emotionale und inhaltliche Bindung zwischen Film und Zuschauer. Die exzessiven Szenen und Shootouts sind thematisch unterschiedlich inszeniert und bilden so etwas wie das Korsett der Handlung. Die erste Standoff-Szene führt, so viel sei verraten, zu keinem Ergebnis. Nachdem alle Munition verschossen wurde, beginnt das Baby zu weinen, erweicht die Herzen der Angreifer, sodass sich die Szenerie beruhigt. Die ehemaligen Freunde setzen sich noch einmal zusammen, um die Situation zu erörtern. Wo muss, soviel steht fest, demnächst sterben. Der alles beherrschende Boss Fay (Simon Yam) hat den Tod nunmal angeordnet, nachdem Wo versucht hat, ein Attentat auf ihn auszuüben. Aber die alten Freunde wollen noch ein letztes Mal zusammenhalten und einen großen Coup landen, um die Familie Wos mit genug Geld für die Zukunft auszustatten. Die Verbindung zwischen den alten Bekannten wird durch zwei Symbole wieder hergestellt: Zum einen essen die ehemaligen Gangmitglieder wie eine Familie zusammen an einem Tisch, zum anderen nehmen sie später zwei Gruppenfotos auf, denen To am Ende noch ein Bild aus Jugendtagen anhängt: Ohne dass es jemals erwähnt wurde, sind die Freunde wieder vereint, wenn auch nur für bestimmte Zeit. Der nächste Shootout stärkt diese Verbindung so weit, dass sich die Ehre unter Freunden als so stark erweist, dass sie schwerer wiegt als die Verbindung innerhalb der Triade.
Dies bildet eine Art Struktur, die der Film bis zum Ende beibehält. Die einzelnen Shootouts, verbunden durch Etappen einer wie die Suche nach sich selbst inszenierten Reise der Gangster, stehen für besondere innere Prozesse innerhalb der Gruppe, Verschiebungen und Veränderungen innerhalb ihres Gefüges. Aus diesem Grunde sind sie auch so exzessiv inszeniert. Jede einzelne Bewegung wird über Zeitlupen und Wiederholungen erfasst, dem Zuschauer vorgeführt. Gleichzeitig wird diese extreme zeitliche Ausdehnung durch eruptionsartige Tempowechsel hin zu einer wahren Explosion der Gewalt unterbrochen. Inszeniert ist das Ganze als ein wahres Ballett der Gewalt, zumeist in fast romantisierende Bilder aufgelöst, die trotz der Wucht eine anziehende Wirkung haben. Diese Romantik steht wiederum für eine weitere Ebene, auf der Exiled funktioniert: Als neuerlicher Abgesang auf ein sterbendes Genre, wobei hier ein Schauspieler im Zentrum des ganzen Filmes steht: Anthony Wong, der schon in The Mission die zentrale Anführer-Figur spielte, verkörpert mit Blaze den Typen des alten, romantischen Gangsters, der im Heroic Bloodshed -Genre bis zur Selbstaufgabe gegenüber seiner Schuld und Ehre getrieben wird. Die selbe Figur dekonstruierte To mit dem Darsteller Ching-Wan Lau in ein paar seiner nachdenklichsten Filme: Where a good man goes (1999) und A hero never dies (1998). Hier aber scheint er sie in ihrer romantischen Verklärung an eine vergangene Zeit zu binden. Exiled spielt nämlich kurz vor der Übergabe Macaos an die chinesische Regierung. Das zuvor unter portugiesischem Protektorat stehende Glücksspiel-Paradies war, zumindest im Film, ein Eldorado für die Triaden, zu dem Zeitpunkt von Exiled sogar das letzte Exil: Hongkong war zu diesem Zeitpunkt schon chinesisch beherrscht. Aus dieser Sicht wirkt Tos Film wie ein Nachruf. Seine Darstellung von Macao hebt die Schönheit der mediterran wirkenden, verwinkelten Gassen hervor, zeigt aber auch mit Wehmut eine Art Abschluss mit einem Heldentypus. Unterstützt wird dies durch die superbe Kameraarbeit und die starke, wehmütige Musik. Dass die Freundschaft der Gangster dem Tode geweiht ist, scheint schon zu Anfang klar zu sein. Im Kern erzählt der Film, zumeist in den Passagen der Gewalteruption, wie eine Gruppe Gangster ganz bewusst den Weg des alten Genres geht und sich scheinbar klar darüber ist, dass dies am Ende vom Klischee her den Tod verlangt. Dies bringt neben dem actionreichen, atemberaubenden Äußeren von Exiled eine erstaunliche Erkenntnis: Selbst das Melodram und die Tragik funktionieren hier mehr denn je über die symbolische Kraft des Klischees, des generisch Bekannten. Dass dies auch wirklich emotional wirksam ist, mag so manchem Kinogänger die Augen für einen anderen funktionierenden Film eröffnen und entlarvt Johnny To als ein Meister dieser ganz eigenen Filmsprache. Chapeau!
Exiled
HK (2006)
Regie: Johnny To, Buch: Kam-Yuen Szeto, Tin-Shing Yip, Kamera: Siu-keung Cheng, Musik: Dave Klotz, Guy Zerafa, Schnitt: David M. Richardson, mit: Anthony Wong Chau-Sang, Francis Ng, Roy Cheung, Suet Lam, Nick Cheung, Simon Yam, Josie Ho, Richie Ren, Ka Tung Lam, Siu-Fai Cheung
Originaltitel: Fong juk
Erschienen bei: Media Asia Films (BVI) Ltd., Mega Star Video Distribution (HK) Ltd. – deutsches Release von Kinowelt.
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Copyright des Textes liegt beim Autor. Der Text ist ein Cross-Publishing mit dem Online-Magazin G-Wie-Gorilla.