Review

Eyes Wide Shut

-- Großbritannien (1999), Regie: Stanley Kubrick

Eyes Wide Shut

Eine Lustfantasie? Ein Angriff auf die bürgerliche Moral der 90er? Ein verklemmtes Spiel mit der Sexualität? Was ist Stanley Kubricks letzter Film wirklich?

Es gibt kaum einen Film, der so schwer in Worte zu fassen ist, wie Eyes Wide Shut. Wir als Zuschauer sind hier nicht nur einfache Voyeure, unsere eigenen Erfahrungen, unser innerstes Selbst formt den Film mindestens so stark, wie Kubrick es selbst tut. Seine größte Leistung als Regisseur ist es, uns mit einzubeziehen. Dies schafft er auf rein technischem Wege. Sein Kamerabild bietet fast hypnotische Qualitäten. Schon gleich zu Anfang, auf einer Weihnachtsparty, entzieht er uns die rationale Denkweise. Während hier Alice mit einem älteren Verehrer tanzt, der sie verführen möchte, folgt die Kamera in einer Halbnahen. Die beiden Gesichter streifen hierbei immer wieder die grell-leuchtende Weihnachtsdekoration. Das daraus resultierende Spiel aus grellem Aufleuchten und wieder Verschwinden entzieht uns der mitdenkenden Aufmerksamkeit, das Gespräch wird von uns rein emotional verarbeitet.

In dieser Position werden wir den ganzen Film über zurückgelassen. So folgen wir Bill auf seinem Weg durch die unwirklich erscheinende Welt des nächtlichen New Yorks, und treffen auf Archetypen sexueller Fantasien. Durch unsere Unfähigkeit, einen rein rationalen Standpunkt zu wählen, verlangt er von uns Entscheidungen auf der Basis unseres Inneren. Wir werden mit Extremsituationen aus unserer Fantasie, oder auch aus unseren Ängsten konfrontiert. So trifft nicht nur Bill auf eine kleine Nymphe, eine Hure und eine ganze Orgie. Wir werden ebenso mit diesen vorerst einfach erscheinenden Erscheinungsformen unserer Sexualität konfrontiert. Und so offenbaren sich innere Standpunkte, vielleicht sogar gesellschaftliche Perversionen, die wir ansatzweise trotz unserer Erziehung in uns tragen. Vielleicht aber zeigen wir uns vor dem Auge der Gesellschaft auch als prüde und rückständig. Wer weiß…

Hinter dieser Odyssee steckt eine der ganz großen technischen Meisterleistungen. Der schon immer als Techniker bekannte Kubrick nutzt alle filmischen Mittel, um uns Zuschauer als Entscheidungsorgan zu etablieren. Dies fängt mit dem immer wiederkehrenden Symbol des halb lodernd-rot, halb eiskalt-blau ausgeleuchteten Janusgesicht Bills an und endet mit der Szene, die aus dem Trailer schon allzu bekannt sein sollte: Vor einem Spiegel –- ein Symbol, das vor allem bei Alice, die über Träume in sich selbst blickt, immer wiederkehrt — fangen Bill und seine Frau mit einem liebevollen Vorspiel an, während uns eine raue Männerstimme über die Musik mitteilt: “They did a bad, bad thing”. Wir werden immer vor mindestens zwei Möglichkeiten der emotionalen Aufarbeitung der Geschehnisse gestellt.
Hinzu kommt die äußerst raue Montage, die uns bewusst macht, dass wir hier mit Momentaufnahmen konfrontiert werden. Ebenso schwanken die einzelnen Szenen in ihrer Stilsetzung sehr stark. Von naturalistischer Ausleuchtung und Kameraarbeit, bis hin zur extremen Stilisierung durch Farbfilter und Tonverfremdung ist alles dabei. Nur das immer währende, grobkörnige Filmmaterial zeugt von einer gewissen Kontinuität.

Dies aber zeigt auch die fatale Schwäche von Eyes Wide Shut. Da der Film fast ausschließlich mit Männerfantasien und –ängsten arbeitet, werden Frauen ihn vor allem als Erotik-Thriller auffassen (man korrigiere mich bitte, wenn ich hier falsch liege). Durch seine Umsetzung lässt es der mit 155 Minuten Lauflänge ohnehin schon zu lange Film an vielem fehlen, was zu einem Thriller eben dazugehört: Spannungsbögen werden nicht zu Ende geführt, viele Handlungsteile nicht einmal aufgelöst. Wer sich nicht mit den Träumen, die bei dieser Odyssee zwischen Realität und Traum, Innen und Außen, aufkommen, identifizieren oder auseinandersetzen kann, bleibt außen vor. Dann findet man sich bei diesem anti-intellektuellen Meisterwerk dann doch da wieder, wo fast jeder bei Shining und Full Metal Jacket — den beiden letzten Filmen Kubricks, die versuchten, Aspekte der menschlichen Seele, intellektuell zu abstrahieren — war: Vor einem Labyrinth, welches am ehesten die Frage aufwirft, ob hier jemand besonders intelligent wirken wollte, anstatt den Menschen selbst widerzuspiegeln.
Jeder andere aber wird von Kubrick durch das innere Labyrinth seiner eigenen Gefühle geführt und erfährt etwas über sich selbst. Nur sehr wenige Filme konnten bisher so etwas erreichen.

Eyes Wide Shut (Eyes Wide Shut)

Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch: Stanley Kubrick, Frederic Raphael
Kamera: Larry Smith
Mit: Tom Cruise, Nicole Kidman, Rade Serbedzija, Sydney Pollack, Marie Richardson, Alan Cumming, Todd Field, Thomas Gibson, Sky Dumont, Fay Masterson, Vinessa Shaw, Madison Eginton, Leslie Lowe, Louise J. Taylor, Stewart Thorndike, Randall Paul, Julienne Davis, Lisa Leone, Kevin Connealy, Mariana Hewett

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