Review

Juliet in Love

-- HK (2000), Regie: Wilson Yip

Juliet in Love

Der Name verrät es schon: In Juliet in Love geht es um eine Liebesgeschichte, und ihr Ende muss tragisch sein. Doch im Unterschied zum dort zitierten Shakespeare-Klassiker handelt der Film nicht von der jungen, unverbrauchten Liebe von Teenagern, sondern dreht sich um eine recht erwachsene, sehr schwierige Beziehung zwischen einem kleinen Gangster und einer durch Schicksalsschläge gebrochenen Frau. Sandra Ng gibt die Judy, die als Platzanweiserin in einem der besseren Restaurants in Hongkong arbeitet. Die geschiedene Mit-Dreißigerin lebt mit ihrem Vater zusammen, der schon ein wenig verwirrt ist. Dass sie trotz der rigiden Rollen-Struktur in Asien nicht verheiratet ist, hat einen tragischen Hintergrund: sie musste sich eine Brust entfernen lassen, wodurch sie für ihren damaligen Mann untragbar wurde. Nun hat sie sich extrem zurückgezogen und einen Wall zwischen ihrer gebrochenen Seele und der Männer-Welt aufgebaut. Der von Francis Ng dargestellte Jordan hat einen ebenso tragischen Hintergrund. Der Klein-Ganove hat noch als Jugendlicher seine gesamte Familie bei einem Unfall verloren. Doch geht er ganz anders mit seinem Leben um. Für ihn ist die Welt unkontrollierbar und er nimmt alles hin, was auf ihn zu kommt. Auch dies ist eine Art des Aufgebens. Als die beiden durch abstruse Umstände dazu kommen, das uneheliche Baby des im Krankenhaus liegenden lokalen Triaden-Boss zu sitten, entsteht eine interessante Beziehung zwischen den Beiden. Jordan interessiert gar nicht, dass Judy eine Brust verloren hat. Gleichzeitig gibt die bodenständige, aber zerbrechliche Frau dem Gangster eine Aufgabe mit, da er sich um ihren labilen Zustand sorgt. Doch kann das Ganze nur tragisch enden: zum einen, weil der dank Simon Yams Charisma sehr sympathisch wirkende Gangster-Boss den verschuldeten Jordan im Griff hat, zum anderen, weil ein Liebesdrama in Asien nur dann wirklich zu Herzen geht, wenn das hollywoodsche „Happily Ever After“ nicht möglich ist.

Dies hat seine Grundlage in einer typisch asiatischen Eigenart der Darstellung von Schönheit. Um einen möglichst reinen Moment der absoluten Schönheit oder Romantik zu erzeugen, wird auf die Vergänglichkeit hingewiesen. Dieses Konzept wurde zwar nur in Japan wirklich formalisiert und zu einer Strategie erhoben, ist aber auch im Hongkong-Kino durchaus häufiger zu finden. Doch wer nun denkt, dass Juliet in Love eine schwer zu ertragende, trauernde Tragödie ist, der hat nicht mit dem damals noch unbekannten Regisseur Wilson Yip gerechnet. Dieser inszeniert den Film nämlich mit einer erfrischend einfachen Direktheit und erzählt die kleinen Katastrophen voller Witz und mit so manchem Augenzwinkern. Besonders interessant ist auch, wie lose und locker er seine Story in Szenen auflöst. Das Drehbuch hält sich kaum mit langen Erklärungen auf, sondern präsentiert seine Geschichte skizzenhaft und mit viel Verve. Hongkong-typisch wird hier nicht lange über Gefühle geredet oder Hintergründe in Monologen erklärt, sondern mit einfachen visuellen Zeichen und klaren Dialogen genau das vermittelt, was vermittelt werden muss. Den Rest erledigt die Genre-Kenntnis des Publikums. Dies befreit den Film von unnötig viel Ballast. Die Kamera nimmt sich Zeit für die Figuren und das Schauspiel kann sich auf das Momenthafte konzentrieren, ohne dass die momenthafte Dekomprimierung aber in einen langatmig erzählten Film münden würde. Zuviel Seufzen und in die Weite starren erlaubt Yip seinen Figuren nicht, stattdessen beobachtet er ihre Reaktion auf die neue emotionale Situation, die sich mit Baby und unwahrscheinlicher Partnerschaft ergibt. Und nebenbei verarbeitet der Film sogar das Thema Verlust und Sterben mit fast müheloser Leichtigkeit und ohne prätentiöse Traurigkeit.

Leider ist dieser sehr empfehlenswerte, kleine Hongkong-Film in Deutschland nie auf DVD erschienen. Interessierte Sammler sollten sich aber bei unseren Nachbarn in Frankreich umsehen, wo die DVD noch auf so manchem Wühltisch zu finden sein sollte. Ansonsten wurde der Film in den USA und eben Asien veröffentlicht.

Juliet in Love (Jue lai yip yue leung saan ang)
Regie: Wilson Yip
Drehbuch: Matt Chow, Wilson Yip
Kamera: Wah-Chuen Lam
Mit Sandra Ng Kwan Yue, Francis Ng, Simon Yam, Eric Kot, Tats Lau, Angela Tong Ying-Ying, Heung Hoi

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