Review

Tiger and Dragon

-- USA / China (2000), Regie: Ang Lee

Tiger and Dragon

Anmerkung: Besprechung stammt aus dem Jahr 2000

Ang Lee meldet sich mit einem Paukenschlag zurück. Der in Hollywood dank seiner sozialkritischen und melancholischen Werke schnell etablierte Taiwanese hat mit Tiger and Dragon einen wunderbaren, aber auch sehr untypischen Film gedreht. Versetzt mit herausragender Kung-Fu Action, bietet er ein erstaunlich unterhaltsames und perfekt inszeniertes Abenteuerepos, dass auf der vollständigen Gefühlsskala seines Publikums spielt.

Eine Traumwelt breitet sich vor uns aus. Eine Traumwelt, wie sie in den Martial-Arts Filmen Hong-Kongs jahrzehntelang zelebriert wurde und wie sie auch in einer Vielzahl von Romanen ihre Heimstatt fand. Man kann das Ganze mit den typischen Western der 50er Jahre in den USA oder mit den Samurai-Filmen Japans vergleichen. Kaum anerkannt, aber von ungeheurer Faszination. Tiger and Dragon beruht nun auf einem dieser Romane und auf dem ganzen Erbe der Martial Arts-Filme. Seine Story geht aber etwas weiter, setzt den Fokus epischer und erweitert es um viele menschliche Konflikte und große (hochzeiten-hollywoodsche) Gefühle.

Der Film erzählt von einem alten Vagabundenpaar, Li Mu Bai (Chow Yun Fat) und Yu Shu Lien (Michelle Yeoh). Sie sind alternde Kämpfer, die sich zur Ruhe setzen wollen. Symbolisch will Li Mu Bai deshalb dem Prinzen Te (Lung Sihung) sein altes, mächtiges Schwert schenken. Doch dieses wird aus dem Palast gestohlen. Es stellt sich heraus, dass mit der Begleitung der Aristokraten-Tochter Jen (Zhang Ziyi) die legendäre Diebin Jade Fuchs (Cheng Pei-Pei) nach Peking gekommen ist. Diese hat einst Li Mu Bais Meister umgebracht. Wäre es an diesen Problemen nicht genug, so schalten sich auch noch die menschlichen Gefühle dazu. Auf der einen Seite stehen Li Mu Bai und Yu Shu Lien, die seit Jahren ihre Liebe zueinander nicht eingestehen konnten, auf der anderen Jen, die Yu Shu Lien seit Jahren verehrte und deshalb nach einem freien Leben als Kämpfer Sehnsucht hat, die aber auch kurz vor einer politischen Heirat steht, in Wirklichkeit aber den armen Dieb Lo (Chang Chen) liebt. In der festen Gesellschaft gibt es wohl keine Möglichkeit, seinem Herz zu folgen.

In einem Geleitschreiben zu Tiger and Dragon bezeichnete Ang Lee diesen Film als seinen persönlichen Traum von China. Dies mag vielleicht die beste Umschreibung sein, die man für den Film finden kann. Kaum ein Kinofilm der letzten Jahre hatte so viel Magie in sich, so viele Gefühle und damit auch so viel Unterhaltung. Ang Lee erzählt eine wunderschöne, romantisch-melancholische Geschichte. Er erzählt von Liebe, von Zauberkünsten und tiefer Aufrichtigkeit. Mit wunderschönen Bildern lässt er eine Welt auferstehen, die auch innerhalb des Martial Arts-Genres so kaum bisher gesehen werden konnte1.

Wie jeder gute Genre-Film zeichnet sich Tiger and Dragon dadurch aus, dass er innerhalb einer fest abgesteckten Welt, in der hier die Kämpfer frei jeder Naturkraft fliegen können und blitzschnell, wie kraftvoll kämpfen, seine ganz eigene, viel universellere Geschichte erzählt. Kraftvoll verwebt er gleich zwei Liebesgeschichten mit einer spannenden Rachestory, fast mühelos erschafft er ein episches Märchen mit tiefer mystischer Kraft.

So kann Ang Lee tief in das Innerste seiner Geschichte ziehen. In wundervollen Bilder erzählt er auch von seinem geträumten Land, erschafft dazu aber Fantasy, wie sie selten bildlich umgesetzt wurde. Dabei sorgen die guten Effekte, die virtuose Kameraarbeit und der herausragende Schnitt dafür, dass gerade die Actionszenen zum vollen Genuß werden. Viel wichtiger scheint mir hier aber, dass diese eben in dem wundervollen Storyrahmen integriert sind. Nicht einmal erscheinen sie zum Selbstzweck. So erschafft Ang Lee auch eine Atmosphäre, die selbst die etwas schlechteren Effekte vergessen machen, denn manchmal ist der Anspruch an diese doch etwas zu hoch gewesen. Man vergisst sogar, und das ist das Wichtigste im Kino, dass man in einem dunklen Saal sitzt, und nicht dort verweilt, wo die Helden sind.

Ich weiss, dass ich nicht einmal einen Ansatz dessen mitbekommen habe, was der Film eigentlich erzählt. Obwohl mit amerikanischen Geldern ausgestattet, die auch für einen wunderschönen Score (mit Chello-Soli von Yo-Yo Ma !) sorgen konnten, ist Tiger and Dragon ein zutiefst asiatischer Film geworden2. Die Bilder sind so schön wie aussagekräftig. Dabei sind sie tiefsinniger als die philosophischsten Dialoge des Westens. Hier scheint die Story gegenüber abzufallen, es machen sich dank des epischen Rahmens auch manchmal Längen breit. Ich weiss aber aus Erfahrung heraus, dass diese Längen eben nur aus Unverständnis entstehen. Die tiefere Bedeutung der Dialoge kommt in keiner Übersetzung rüber, und gerade hier ist die chinesische Sprache sehr reich an Symbolen und Verweisen.

Aber auch so ist in wunderbares Kinoerlebnis enstanden. Ein grandioser Kinofilm, voll von allem, was ein großes Epos ausmacht. Nicht nur Martial Arts-Fans sollten diesen Film sehen. Er ist viel mehr als Genreaction. Tiger and Dragon ist ein wunderschönes Märchen, ein Fantasyfilm voll echter und großer Gefühle. Er ist spannend und meditativ, lustig und traurig. Er ist eben ganz großes Kino.

1 Anmerkung 2010: Zu dieser Aussage kann ich heute nicht mehr stehen. Mir ist dies auch in diesem Rahmen besonders wichtig zu erwähnen, da ich länger über diesen Film gearbeitet habe, unter anderem war er ein zentraler Teil meiner Magister-Arbeit. Tiger and Dragon ist eben nicht vollkommen neuartig innerhalb des Martial-Arts-Genres, sondern vielmehr eine Neukonfiguration von bekannten Elementen. Dabei bezieht sich Ang Lee visuell und inhaltlich auf die Filme von King Hu und bekannte philosophische und filmische Motive, die Hu ebenfalls hoch schätzte wie die Gegenüberstellung von Daoismus und Konfuzianismus oder die Umkonfigurierung des Frauenbilds im Wuxia

2 Anmerkung 2010: Ähnlich wie schon in der ersten Anmerkung muss ich hier ein wenig gegen meine damalige Argumentation vorgehen. Natürlich arbeitet der Film mit zutiefst asiatischen Motiven und Genre-Elementen, doch darf nicht vergessen werden, dass Ang Lee versucht, eine westliche Rezeption bewusst zu unterstützen. Während der Wuxia üblicherweise mit vor allem visuellen Verweisen arbeitet, implementiert Tiger and Dragon deutlich narrative Anker, die dem Zuschauer direkt erzählen, wie Figuren einzuordnen sind. Für Kenner des Hongkong-Genres ensteht so eine narrative Doppelung, da visuell eingeführte Elemente immer noch einmal über Dialoge erklärt werden. Dies führt auch zu der spürbaren Entschleunigung der Erzählung.

Tiger and Dragon (Crouching Tiger, Hidden Dragon / Wu hu zang long)

Regie: Ang Lee
Drehbuch:
Hui-Ling Wang, James Schamus, Kuo Jung Tsai
Kamera: Peter Pau
Mit: Yun-Fat Chow (Li Mu Bai), Michelle Yeoh (Yu Shu Lien), Ziyi Zhang (Jen), Chen Chang (Lo), Sihung Lung (Sir Te), Pei-pei Cheng (Jade Fuchs), Fazeng Li (Governor Yu)

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