Zatoichi - Der blinde Samurai
-- Japan (2003), Regie: Takeshi Kitano

Kaum eine Figur der japanischen Mythen ist so prominent wie der blinde Schwertkämpfer Zatoichi. Vom Theaterstück, über das Musical, über unzählige Bücher, eine der bekanntesten und beliebtesten Fernsehserien Japans hin bis zu knapp 30 Filmen ist Zatoichi so etwas wie ein Volksmythos. Genug Material also, um diesen Mythos nun gehörig zu verändern.
Takeshi Kitano ist dabei genau der richtige Mann für den Job. Seine Veränderungen im Yakuza-Film haben das Genre vorangebracht und für den Ruhm des Regisseurs und des japanischen Kinos einiges geleistet. Nehmen wir uns zum Beispiel die wunderbare Darstellung der Yakuza als irgendwo zwischen Sympathie und Ekel rangierende Mörder in Filmen wie Sonantine und Brother: das Genre gab zuvor gar keine Sicht von außen auf die Gangster frei. Es war immer wieder der edelmütige Kampf innerhalb der Organisationen, meist geführt von traditionalistischen Yakuza gegen neue Gangster-Typen, denen es nur noch ums Geld geht.
Es ist besonders spannend, dass Kitano auch bei Zatoichi vor den Yakuza und ihren Genre-Klischees nicht halt macht: Bösewichter sind hier diese traditionsreichen Yakuza, die so häufig mit dem Schwert antreten, obwohl es nicht zu ihnen gehört. Überhaupt erlaubt sich Kitano etliche Genre-Überblendungen oder gar Brechungen. So begegnet Zatoichi einigen altbekannten Figuren, die aus den verschiedensten Genres stammen. Der als Frau verkleidete Rächer, die letzte überlebende Tochter eines Yakuza-Clans, der zwischen seinen Werten und dem Leben hin und her gerissene Yojimbo (Leibwächter), der versoffene Spieler an der Seite des Helden: Alle sind bekannt und teilweise zu abstrusesten Konstellationen zusammenkombiniert. So würde die Yakuza-Tochter nie von außen, also hier bei den Bauern, gegen den verhassten Clan vorgehen, sie würde infiltrieren. Hier aber bleibt sie bei ihrem Bruder, der als Geisha verkleidet eine bekannte Figur des japanischen Schwertkampffilms nachempfindet. Klar, Kitano macht hier auch einen Chambara, aber das stört ihn nicht daran, alles mögliche andere nach reinen Geschmack unterzurühren.
Entsprechend gibt es auch keine erzählenswerte Geschichte: Die Bauern eines Dorfes werden von gleich zwei Yakuza-Gangs unterdrückt. Ein herumstreuender Ronin namens Gennosuke Hattori (Tadanobu Asano) schließt sich der einen Seite an und rottet aufgrund seiner hohen Schwertkunst die anderen Yakuza einfach aus. Damit wird es nur noch schlimmer, doch zum Glück hat eine Bäuerin einen blinden Wanderer (Zatoichi – Beat Takeshi) bei sich aufgenommen. Der Mann sorgt nicht nur dafür, dass ihr Neffe wieder von der Spielsucht geheilt wird (weil er merkt, dass Zatoichi immer gewinnt und er immer verliert), er macht sich auch auf, wieder für Balance zu sorgen. Wenn eine Hälfte der Yakuza schon tot ist, so ist es nur logisch, dass die andere Hälfte auch sterben muss…
Was aber besonders ist, scheint das Wie der Inszenierung. Selten war Kitano so fröhlich, es ist sein erstes komödiantisches Werk seit Getting Any? (1995), in dem er seinen trotteligen Helden ja auch über das Set einer Zatoichi-Verfilmung stolpern ließ. Zudem benutzt er aber auch wie selten zuvor die Musik als zentrales Filmelement. Filme bestehen ja ohnehin vor allem aus Rhythmus (aus Schnitt und Bewegung im Bild kombiniert). Durch den Wechsel seines Komponisten hin zu Kejichi Suzuki, einem der Großmeister elektronischer Musik, bringt er wahrhaftig einen Beat in seinen Film. Er passt selbst die Geräuschkulisse diesem an und schneidet mal sichtbar, mal unsichtbar absolut im musikalischen Takt. Vor allem die Kampfchoreographie bekommt so das erste Mal auf sehr japanische Weise einen neuen Rhythmus und gewinnt unendlich an Kraft und Eleganz, ohne direkt beim Nachbarn aus Hong Kong inspiriert zu sein. Und was Kitano als Überraschung noch aus dem Hut zaubert, wenn er seine eigene Methode der Abschlussszene, in der die Ronin das Dorf verlassen und an den im Frühlingsritual singenden Bauern vorbeimarschieren, soll hier nicht verraten werden. Nur soviel: Es ist der Höhepunkt eines perfekten Genre-Stücks, welches scheinbar sagen wollte: Tarantino will den ultimativen Schwertkampffilm nach Amerika holen? Na, dann zeigen wir mal, was wir wirklich draufhaben. Danke für diese unterhaltsame Lehrstunde, Kitano-sensei!
Zatoichi – Der blinde Samurai (Zatoichi)
Regie: Takeshi Kitano
Darsteller: Takeshi Kitano, Tadanobu Asano, Akira Emoto, Michio Ookusu, Yui Natsukawa, Taka Gatarukanaru, Daigoro Tachibana, Yuko Daike, Ittoku Kishibe, Saburou Ishikura
Buch: Takeshi Kitano
Kamera: Katsumi Yanagishima
Produzent: Masayuki Mori, Tsunehisa Saito
Das Artikelbild und / oder der besprochene Film sind Copyright 2003 by Concorde
Copyright des Textes liegt beim Autor. Der Text erschien zuvor in dem Print-Magazin Mangaszene.